2nd World Peace Wall | Varanasi | India

August 2007

indien hatte mich schon immer fasziniert. ich hatte viele Geschichten von Freun- den gehört, die dort gewesen waren. Mir erschien es immer so unendlich weit weg, ein land voller Mysterien und Geheim- nisse, voller Vielfalt und Schönheit. Da

ich nicht lange fort sein konnte, wollte ich indien hautnah erleben und am besten gleich da, wo alle seine eigenschaften zusammen kommen.

es war für mich eindeutig: ich wollte nach Varanasi. es gilt als Stadt des Gottes
Shiva und als eine der heiligsten Stätten des Hinduismus. Seit mehr als 2.500 Jahren pilgern Gläubige in die Stadt. Auch buddha soll seine erste Predigt unweit von Varanasi, in Sarnath gehalten haben.

Als besonders erstrebenswert gilt es für strenggläubige Hindus, in Varanasi im Ganges zu baden sowie dort einmal zu sterben und verbrannt zu werden. ein bad im Ganges soll von Sünden reinigen, in Varanasi zu sterben und verbrannt zu werden vor einer Wiedergeburt schützen. Dieser magische ort ist ein brennpunkt für religion und Kultur, ein ausgefallener Platz, an dem die zeit still zu stehen scheint und an dem der einfluss unserer westlichen zivilisation nur in wenigen De- tails zu spüren ist. Alles andere ist noch den alten Strukturen und ritualen treu geblieben ist.

Mein Flug führte über Delhi. Hier be- suchte ich noch einen Freund, der mich sanft in die indische Kultur einweihte. Danke, tommy!

24 Stunden später flog ich weiter nach Varanasi. ein kleiner Flughafen, 50km außerhalb der Stadt, doch schon hier wimmelte es von taxi -und rikscha- Fahrern, die um ihre Kunden warben.
ich nahm ein taxi in die Stadt. Der Fahrer erzählte mir, dass er mich nur zum Stadtrand bringen könnte, da gerade das Fest Shivas gefeiert würde und es unmöglich sei, mit dem taxi durch die Menschenmengen zu fahren. Gespannt auf das, was mich erwartete, näherte ich mich so der Stadt.

Dort angekommen, tauschte ich das taxi gegen eine rikscha und schlängelte mich langsam durch den Verkehr ohne
regeln, in dem die Hupe das wichtigste element zu sein scheint. es war die rein- ste Sinnesüberflutung. ich bewegte mich zwischen Menschen aller Klassen,

vom Händler bis zum Sadhu, zwischen schreienden Farben und einer Vielfalt von Geruchsnuancen von curry bis Kot. noch nie war mein Körper so einer ungewohnt- en Vielfalt ausgesetzt worden, so dass ich, nachdem ich ein Guesthouse direkt am Ganges gefunden hatte, erst einmal etwas zeit brauchte, mich an all das zu gewöh- nen und mich dem leben hier anzupas- sen.

An den uferbefestigungen des Ganges, den sogenannten Ghats, wurden zu jeder tages -und nachtzeit hinduistische riten zelebriert, morgens die heiligen Waschun- gen, abends Mantragesänge und trom- meln in den tempeln.

ich machte mich inmitten des Geschehens auf die Suche nach einer geeigneten Wand und wurde fündig neben einem der mächtigsten Shiva-
tempel am Ganges, direkt am Wasser. Die Anwohner, die ich fragte, ob ich hier wohl ein bild malen dürfte, gaben mir nur zur Antwort:„it is not allowed and not forbidden, do whatever you like!“ Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und begann sofort, mich nach Farben umzusehen, doch in ganz Varanasi schien es keine einzige Farb- sprühdose zu geben. So musste ich wohl oder übel auf die altmeisterliche Pin- seltechnik zurückgreifen.

Mein Motiv sollte ein halber liegender Shiva-Kopf sein, mit dem Mantra „om namah shivaya“, welches die Hingabe zum Göttlichen ausdrückt, und mit der Friedenstaube im Hintergrund.

Schon beim Vorstreichen kamen die er- sten Kinder vorbei, um mir zu helfen, und bald hatte ich immer ein laut

diskutierendes Publikum, selbst ziegen, Kühe, Papageien und Affen vergnügten sich rund um meinem Arbeitsplatz. in der ganzen nachbarschaft war ich bald als „the painter“ bekannt und erntete überall Komplimente. Selbst die Jungs,

welche die touristen den Ganges rauf und runter ruderten und nachts in den booten oder auf den Mauervorsprüngen der Ghats schliefen, besuchten mich täglich, um den Fortschritt des bildes zu begutachten. neben dem Malen vertrieb ich mir die zeit mit besuchen der tempel aller hinduis- tischen Götter von Hanuman bis Ganesha, erkundete ich die schmalen Gassen der Stadt, in denen das leben nie still stand.

es war eine Welt, die mit nichts aus un- seren breitengraden vergleichbar ist.

in jeder nische fand sich ein Händler, Sch- neider oder Straßenkoch, die lauthals ihre Ware anpriesen und in jedem touristen einen potentiellen Käufer sahen, dem sie, wenn er sie nicht völlig ignorierte, auch gerne mit allen ihren überredungskünsten bis vor die Haustüre folgten. Durch die Straßen bewegten sich Kuhherden, Pilger, spielende Kinder und bettler. und auf den Dächern jagten sich die Affenbanden. ein leben, das keinerlei Struktur und ordnung zu haben scheint- und doch funktioniert es, in unmittelbarer nähe all der baufäl- ligen tempel, der leichenverbrennungen, der heiligen rituale, der Gesänge und tänze.